Schlafwandeln

In Filmen sorgt es mitunter für Lacher, in der Realität ruft es bei vielen Menschen eher Un­behagen hervor. Die Rede ist vom Schlafwandeln. Was passiert da eigentlich genau mit den Betroffenen und wo liegen die Ursachen für dieses seltsame Phänomen? Im folgenden möchten wir buchstäblich Licht ins Dunkel bringen.
 

Ist Schlafwandeln angeboren?

Schlafwandeln – im Fachjargon auch „Somnambulismus“ ge­nannt – ist ein Phänomen, das zu den sogenannten Parasom­nien (schlafbezogene Verhaltensauffälligkeiten) gezählt wird. Im Alter vom vierten bis zum sechsten Lebensjahr kommt es bei ca. 30 % aller Kinder vor. Die Häufigkeit nimmt mit steigendem Alter ab. Lediglich bis zu 4 % der Erwachsenen schlafwandeln. Zwillingsstudien liefern Hinweise auf eine ge­netische Veranlagung, von der Männer und Frauen gleicher­maßen betroffen sind. Meist tritt das Schlafwandeln in einigen Familien vermehrt auf, was die Theorie der genetischen Veranlagung stützt.
 

Was geht beim Schlafwandeln genau vor sich?

Das Schlafwandeln entwickelt sich zu­meist aus einer Tiefschlafphase im ersten Nachtdrittel und dauert im Schnitt wenige Minuten. Selten dauert eine Episode länger als eine halbe Stunde an. Das Auftreten von schlafwandlerischen Episoden kann man schlecht voraussagen. Diese können sich in unregelmäßigen Abständen alle paar Monate oder mehrfach in der Woche zeigen. Das Schlafwandeln wird häufig durch einen Weckreiz ausgelöst, der jedoch lediglich zu einem teilweisen Erwachen des Gehirns führt. Die im Schlaf ausgeführten Tä­tigkeiten können simpel (z. B. nächtliches Sprechen, Aufset­zen im Bett) sein. In Extremfällen können sie aber auch hochkomplex sein (z. B. Versuche, aus dem Fenster zu klettern, Autofahren).

Wusstest Du schon?

Früher wurden Schlafwandler als „Mondsüchtige“ bezeichnet. Inzwischen weiß man, dass der Mond keine besondere Rolle für derartiges Verhalten spielt.

Wie erkenne ich einen Schlafwandler?

Charakteristisch für eine schlafwandlerische Episode sind der starre, glasige Blick des Schläfers und eine verminderte Re­aktionsfähigkeit während des Schlafwandelns. Weiterhin sind Motorik und Orientierung eingeschränkt, die Bewegungen wirken oft unbeholfen. In diesem Zustand haben die Betrof­fenen keinerlei Kontrolle über die ausgeübten Handlungen. Schlafwandler sind nur schwer aufzuwecken, und der Betroffene erinnert sich am Folgemorgen meist nicht an das Geschehen.


Einfluss von Alkohol, Koffein und Stress

Faktoren, die das Schlafwandeln hervorrufen oder begünstigen können, gibt es viele. Dazu zählen bei uns Erwachsenen bspw. Schlafentzug, Stress übermäßiger Konsum von Alkohol oder Koffein. Aber auch eine Obstruktive Schlafapnoe (Atmungsstörung, bei der es zu Atemaussetzern kommt), Fieber, Harndrang sowie bestimmte Medikamente können unser nächtliches Verhalten beeinflussen.

Das Schlafwandeln kann sich auf die Befindlichkeit am Fol­getag auswirken. Häufig klagen Betroffene nach einer nächt­lichen Episode über Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Tagesmüdigkeit. Dies kann sich negativ auf die Leistungsfä­higkeit auswirken, was in konzentrationsintensiven Berufen (z. B. Fahrdienstleiter) natürlich mit Risiken verbunden ist.

Wie kann ich herausfinden, ob ich betroffen bin?

Da sich Schlafwandler ihrer nächtlichen Aktivitä­ten nicht bewusst sind, werden sie häufig das erste Mal von Le­benspartnern oder Familienmitgliedern darauf aufmerksam gemacht. Fragt also ruhig einmal Eure engsten Vertrauten, ob ihnen Euer nächtliches Verhalten schon einmal seltsam vorkam. Eine aufwendigere Möglichkeit ist eine Diagnostiknacht im Schlaflabor. Da das Schlafwandeln nicht planbar ist, wird hier versucht, das Entstehen einer nächtlichen Episode zu provozieren. Wie das gelingen soll? Vor allem durch Schlafentzug. Und die Aufzeichnung der Nacht per Video ist unerlässlich. Die Untersuchung einer Speichelprobe auf ein be­stimmtes Markerprotein kann darüber hinaus Aufschluss über eine mögliche genetische Neigung zum Schlafwandeln geben.
 

Therapie- und Trainingsmöglichkeiten

Sollte Eigen- bzw. Fremdverletzungsgefahr bestehen, empfehlen wir eine Verhaltensberatung in Kombination mit Entspannungs­techniken. Die Verhaltensberatung umfasst unter anderem das Erlernen von vorsatzbildenden Techniken, die das Aufwachen nach Wahrnehmung eines bestimmten Reizes fördern. Soll heißen: Der Betroffene trainiert bspw., dass er durch das Aufsetzen der Füße auf dem Boden aufwacht. Auf diese Weise kann das nächtliche Umherwandern verhindert werden. Da sich das Schlafwandeln mitunter zu einer bestimmten Uhrzeit einpendelt, kann auch ein vorwegnehmendes Aufwecken der betroffenen Person helfen (ca. 10 bis 15 Minuten vor dem üblichen Beginn des Schlafwandeln). Ebenfalls unerlässlich ist die Aufklärung der betroffenen Person sowie die Einbeziehung des unmittelbaren Umfeldes. Lebensgefährten und Familienmitglieder sollten besonders aufmerksam sein, um möglichen Gefährdungen entgegenwirken zu können. Eine medikamentö­se Behandlung sollte nur unter Kontrolle eines erfahrenen Schlafmediziners erfolgen.

letsleep-Tipps

  • Schlafwandeln ist – abgesehen von den Unfallgefahren – meist harmlos. Übertriebene Sorge insbesondere bei Kindern schadet eher.
  • Schlafwandler sollten nicht geweckt werden, da dies als bedrohlich empfunden werden kann. Man sollte sie lieber vorsichtig zurück ins Bett lotsen.
  • Wenn Ihr selbst zum Schlafwandeln neigt, solltet Ihr auf einen übermäßigen Alkohol- und Koffeinkonsum verzichten, da diese Substanzen das Schlafwandeln begünstigen können.
  • Stressreduktion sowie das Erlernen von Entspannungstechniken (Yoga, Meditation) können die Wahrscheinlichkeit des Schlafwandelns reduzieren.
  • Auch das Einhalten eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus kann helfen.

Schlösser, Glocke oder Zweitschlüssel für den Extremfall

Solltet Ihr tatsächlich vom nächtlichen Umherwandeln betroffen sein, empfehlen wir Euch dringend, Eure Schlafumgebung abzusichern. Auf diese Weise lässt sich die Verletzungsgefahr am besten minimieren. Dazu gehören z. B. das Blockieren von Fenstern und Türen mithilfe von Schlössern oder das Entfernen sensibler Objekte aus dem Schlafzimmer. Eine an der Tür befestigte Glocke kann dazu führen, beim Verlassen des Zimmers aufzuwachen. Auch ein Bewegungsmelder im Zimmer oder im Flur kann ggf, helfen, die schlafwandlerische Episode zu unterbrechen. Und wenn man Euch schon einmal gesagt hat, dass Ihr nachts sogar das Haus verlassen habt, dann könnte das Befestigen eines Zweitschlüssels an Eurem Fuß weiterhelfen. Denn auf diese Weise ist sichergestellt, dass Ihr im Extremfall beim nächtlichen Umherwandern wieder ins Haus findet.

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Literatur:
Mayer, G. (2007). Schlafwandeln. In H. Peter, T. Penzel & J. H. Peter (Hrsg.). Enzyklopädie der Schlafmedizin (S. 1140-1143), Heidelberg: Springer.
Saletu, M. & Saletu-Zyhlarz, G.M. (2015). Schlafwandeln, Schlaftrunkenheit und Nachtschreck: die klassischen NREM-Parasomnien und ihre Differenzialdiagnose im Erwachsenenalter. Somnologie Schlafforschung und Schlafmedizin 19 (4), S.226-230. Heidelberg: Springer.
Bilder:
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